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Seitdem schauen wir ständig in den Himmel – wenn Freiheit das Leben kostet

3. Aug. 2026

Als unsere Hühner einzogen, schrieb ich noch:

„Und die romantische Vorstellung, die Hühner einfach frei über das Grundstück laufen zu lassen, bekommt schnell eine neue Perspektive. Denn irgendwann schaut man nicht mehr nur begeistert auf das kleine Federvieh, sondern plötzlich auch ständig in den Himmel.“

Damals war das vor allem eine Sorge. Heute ist es Realität: Der Kragulj war da, der Habicht – und er kam nicht nur einmal.

Die schöne Schwarze

Zuerst holte er sich unsere schöne schwarze Henne. Ihr Gefieder hatte bereits diesen besonderen grün-schwarzen Metallic-Effekt entwickelt. Wenn die Sonne darauf fiel, schimmerten ihre Federn in unterschiedlichen Grün- und Schwarztönen. Sie war wirklich wunderschön und hätte vermutlich als Erste ein Ei gelegt. Zumindest sah es danach aus, denn sie war weiter entwickelt als die anderen. Wir warteten bereits gespannt darauf, wann wir wohl das erste Ei finden würden.

Stattdessen fanden wir überall Federn und unsere schöne schwarze Henne – zerrupft und leblos. Die Einzelheiten erspare ich euch. Es war ein Anblick, den man nicht so schnell vergisst.

Ich war sehr traurig und fragte mich natürlich sofort, ob ich nicht noch mehr hätte tun müssen. Ob ich etwas übersehen oder sie besser hätte schützen können. Schließlich waren wir für sie verantwortlich. Gleichzeitig war ich bis zu diesem Moment davon überzeugt gewesen, bereits alles getan zu haben: Wir hatten den Auslauf gesichert, Netze gespannt, Übergänge kontrolliert und uns viele Gedanken gemacht. Für mich war der Bereich geschützt. Offenbar war er es nicht.

Natürlich hatte ich schon oft von solchen Angriffen gehört. In Foren liest man davon, und auch auf YouTube berichten Hühnerhalter immer wieder, dass plötzlich der Fuchs oder der Habicht kommt. Man kennt die Warnungen und weiß theoretisch, dass so etwas passieren kann. Wenn man es selbst erlebt, ist es dennoch etwas ganz anderes. Dann ist es keine Geschichte aus einem Forum und kein Video mehr. Dann steht man selbst zwischen all den Federn und begreift, dass das eigene Tier nicht zurückkommen wird.

Zwischendurch kam sogar der Gedanke auf, dass es vielleicht besser war, diesen Verlust gleich am Anfang zu erleben – bevor wir die Hühner noch länger kannten und eine noch engere Beziehung zu jedem einzelnen Tier aufgebaut hatten. Aber dieser Gedanke tröstete kaum, denn auch nach dieser kurzen Zeit hatten sie längst unterschiedliche Persönlichkeiten entwickelt. Wir kannten ihre Eigenarten, beobachteten sie jeden Tag und hatten ihnen Namen gegeben. Es war so schon traurig genug.

Dann kam er wieder

Nach dem ersten Angriff versuchten wir, den Auslauf noch besser zu sichern. Wir kontrollierten die Netze, verschlossen die Übergänge und befestigten alles zusätzlich mit Kabelbindern. Jeder mögliche Zugang wurde überprüft und der Hühnerauslauf entwickelte sich langsam zu einer Art Hochsicherheitstrakt. Wir hofften, damit wäre es gut.

Doch der Kragulj kam wieder und dieses Mal holte er sich gleich zwei: die andere schwarze Henne und unseren kleinen Geier.

Geier war der zerrupfte, mutige kleine Kerl, bei dem wir anfangs nicht einmal sicher waren, ob er wirklich ein Hahn ist. Er war kleiner als die anderen, aber häufig der Erste, der etwas Neues erkundete. Neugierig, wild und erstaunlich selbstbewusst marschierte er vorneweg, während die anderen noch vorsichtig aus der Entfernung beobachteten.

Gerade diese neugierige, etwas wilde Art fehlt mir heute. Die beiden schwarzen Hühner waren anders als die weißen – lebhafter, entdeckungsfreudiger und immer ein wenig unberechenbar. Seit sie und Geier nicht mehr da sind, ist es ruhiger geworden. Zu ruhig.

Nur noch drei Hennen und ein Hahn

Nach den Angriffen waren nur noch drei weiße Hennen und Koko übrig. Natürlich liefen auch sie weiterhin herum, scharrten, fraßen und gingen abends in ihren Stall. Trotzdem wirkte der Auslauf plötzlich leer. Mit den schwarzen Hühnern und dem kleinen Geier fehlten ausgerechnet diejenigen, die besonders neugierig und etwas wilder gewesen waren.

Aus einzelnen Tieren waren längst Persönlichkeiten geworden. Deshalb kann man sie nicht einfach ersetzen, als wären Hühner beliebig austauschbar. Dennoch wollten wir unsere deutlich kleiner gewordene Schar wieder etwas vergrößern.

Zwei neue Hennen – zumindest dachten wir das

Also fragten wir bei dem Mann nach, von dem wir bereits unsere Australorps und den Mix bekommen hatten. Er hatte noch zwei Hennen: eine weiße und eine schwarze. Am Sonntag holten wir sie ab.

Wieder war da eine schwarze Henne mit diesem schönen dunklen Gefieder, das im Sonnenlicht grünlich und bläulich schimmerte. Dazu kam eine weitere weiße Henne. Vielleicht, so hofften wir, würde nun wieder etwas mehr Leben in den Auslauf einziehen und sich langsam eine neue Gruppe zusammenfinden.

Doch bereits am Montag war die schwarze Henne tot. Der Kragulj hatte sie geholt – keine 24 Stunden nach ihrem Einzug.

Einige Tage später stellte sich dann auch noch heraus, dass die vermeintlich weiße Henne gar keine Henne war, sondern ein Hahn. Damit besteht unsere kleine Hühnerschar aktuell aus zwei Hähnen und nur drei Hennen. Auf Dauer ist das keine gute Zusammensetzung. Solange die große Sommerhitze anhält und der neue, sichere Auslauf noch nicht fertiggestellt ist, werden jedoch vorerst keine weiteren Hühner einziehen. Sobald die heißesten Wochen vorüber sind, sollen noch einige Hennen dazukommen – dann hoffentlich wirklich Hennen.

Wo ist er hineingekommen?

Nach dem erneuten Angriff stand ich mitten in einem Auslauf, den wir inzwischen beinahe wie Fort Knox gesichert hatten. Ich prüfte die Netze und ging einen Übergang nach dem anderen ab. Alles schien fest miteinander verbunden zu sein. Überall waren Kabelbinder, und jede Stelle, die auch nur annähernd nach einer Lücke aussah, hatten wir verschlossen.

Dann entdeckte ich einen Kabelbinder auf dem Boden und daneben plötzlich einen kleinen Spalt. War der Habicht dort hineingekommen? Hatte er den Kabelbinder durchgebissen oder mit seinem Schnabel aufgerissen? War die Verbindung nicht fest genug gewesen oder hatten wir genau diese eine Stelle übersehen?

Wir wissen es nicht. Wir wissen nur, dass er einen Weg gefunden hat. Offenbar braucht ein Habicht keine weit geöffnete Tür. Eine kleine Schwachstelle genügt – ein Spalt oder ein Übergang, der aus menschlicher Sicht gut verschlossen aussieht, aber eben doch nicht sicher genug ist.

Aus Freiheit wird Hühner-Alcatraz

Hühnerhaltung klingt zunächst so friedlich: Ein paar Hühner laufen frei über das Grundstück, scharren unter den Bäumen, suchen nach Käfern, nehmen Staubbäder und verschwinden zwischendurch im Schatten. Morgens öffnet man den Stall, abends gehen sie wieder hinein und irgendwann findet man vielleicht das erste Ei.

So ungefähr sieht die romantische Vorstellung aus, und vieles davon ist tatsächlich wunderschön. Aber Natur bedeutet nicht nur Freiheit, Ursprünglichkeit und ein harmonisches Miteinander. Natur ist nicht immer sanft. Sie kennt keine Gerechtigkeit und nimmt keine Rücksicht darauf, dass wir einem kleinen zerzausten Hahn längst einen Namen gegeben haben. Für den Kragulj war Geier nicht unser neugieriger kleiner Hahn – er war Beute.

Nach vier getöteten Hühnern ist klar, dass es so nicht weitergehen kann. Der neue Auslauf wird deshalb aus großen, stabilen Zaunpaneelen gebaut und vollständig mit Netzen überspannt. Die Übergänge werden so verschlossen, dass weder ein kleiner Spalt noch ein lockerer Kabelbinder zur Einladung werden kann. Es entsteht ein richtiges Hühnergehege – oder, wie wir es inzwischen nennen: Hühner-Alcatraz.

Das klingt nicht besonders romantisch und wird wahrscheinlich auch nicht so aussehen. Aber vielleicht besteht verantwortungsvolle Tierhaltung manchmal genau darin, sich von der eigenen romantischen Vorstellung zu verabschieden. Unsere Hühner sollen weiterhin Erde, Schatten, Beschäftigung und möglichst viel Raum für ihr natürliches Verhalten bekommen – nur eben innerhalb eines klar begrenzten und von allen Seiten geschützten Bereichs.

Wenn Freiheit das Leben kostet

Manchmal heißt es, ein kurzes Leben in Freiheit sei besser als ein langes Leben in Gefangenschaft. Und vielleicht stimmt das in manchen Situationen sogar. Doch unsere Hühner haben gegenüber dem Habicht kaum eine Chance. Nach vier getöteten Tieren können wir nicht einfach darauf hoffen, dass es beim nächsten Mal gut geht.

Die Hühnergeschichte geht weiter – anders als ursprünglich gedacht und deutlich weniger unbeschwert. Im Moment mit zwei Hähnen, drei Hennen und einem noch unfertigen Hühner-Alcatraz. Sobald die große Sommerhitze vorüber und der neue Auslauf fertiggestellt ist, sollen noch einige Hennen dazukommen.

Die romantische Vorstellung von Hühnern, die frei über das gesamte Grundstück laufen, müssen wir jedoch loslassen. In unserem Fall geht es nicht mehr nur um Freiheit oder Sicherheit, sondern letztlich um Freiheit oder Leben.

Nicht, weil uns ihre Freiheit unwichtig wäre, sondern weil wir für ihr Leben verantwortlich sind.

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